Rio de Janeiro

Am 3. September 2018 starteten wir unsere Atlantiküberquerung in Hamburg vom O´Swaldkai. Wir fuhren mit unserem Wohnmobil auf das CoRo Schiff „Grande Nigeria“ der Grimaldi Lines. Mit diesem Schiff, einer Kombination aus Containerfrachter und RoRo (Roll on Roll off) überquerten wir in mehr als einem Monat den Atlantik.

Die Überfahrt beinhaltete Zwischenstopps in Dakar (Senegal), Vitoria (Brasilien), Rio de Janeiro (Brasilien), Santos (Brasilien), Paranagua (Brasilien), Zarate (Argentinien) und endete schließlich in Montevideo (Uruguay), wo wir das Schiff mit unserem Wohnmobil verlassen durften. Während der Überfahrt hatten wir in Santos einen mehrtägigen ungeplanten Aufenthalt, da an einem Wasserschott ein Scharnier kaputt gegangen war. Unglücklicherweise war es genau das Tor zum Deck 6, auf dem unser Wohnmobil für die Überfahrt seinen Platz gefunden hatte. Sonst hätten wir versucht, das Schiff schon in Santos zu verlassen, aber das war schon deshalb ausgeschlossen, weil wir genau dieses defekte Tor passieren hätten müssen. Zum Glück wurde das Scharnier dann an einem Wochenende repariert und wir konnten die Fahrt mit Verspätung fortsetzen. Insgesamt ist der Zustand des Schiffs, obwohl erst 15 Jahre alt, als eher bedauerlich zu bezeichnen. Aber gut, wir sind angekommen.

Während der Überfahrt konnten wir an einigen Tagen sogar Wale beobachten, sie auf einem Foto einzufangen gelang uns aber nicht. Es war trotzdem ein erhebendes Erlebnis, diese Tiere in ihrem natürlichen Habitat zu beobachten. Eine Schande, dass sie immer noch gejagt werden!

Außerdem gab es noch eine Menge fliegender Fische, Delfine, eine Schildkröte und andere Meeresbewohner zu sehen.

In den verschiedenen Häfen konnten wir sehr unterschiedliche Arbeitsweisen und Organisationslevels beobachten. Hamburg war gut organisiert und alles ging sehr schnell. In Dakar war das Arbeitstempo eher als beschaulich zu bezeichnen, der Level der Organisation hat sicher noch Potential nach oben.

In Vitoria und Santos war es relativ chaotisch, Container wurden schon mal irgendwo irgendwie abgestellt, mehr wie in einem Kramladen als in einem großen Hafen zu erwarten. Die Maschinen waren laut (an den Verladekränen, die mit Dieselmotoren betrieben werden fehlte schon mal der eine oder andere Schalldämpfer). Die LKWs, die zum Verfahren der Container im Hafen eingesetzt werden haben definitiv ihre besten Zeiten hinter sich. Bei einigen waren sämtliche Lichter ausgefallen, was sie zu den idealen Fahrzeugen für die Nacht macht.

Der Industriehafen von Rio de Janeiro ist zwar von der Anfahrt her sehr schön, im Hafen selbst zu liegen ist aber eine heftige Belastung für sämtliche Geruchsnerven als auch für die Lungen. Wir haben uns gefragt, was genau dort gestorben war, damit so ein Geruch entstehen konnte. Die Organisation war ebenfalls dürftig, die Fahrzeuge alt und verbraucht. Das Arbeitstempo hielt sich in engen Grenzen.

Ganz anders, obwohl immer noch in Brasilien gelegen, zeigte sich der Hafen in Paranagua. Super organisiert, die Maschinen und LKWs so gut wie neu, alles in Reih und Glied gestapelt. Kein übler Geruch, einfach ein sauberer, moderner Containerhafen. Selbst die Verladung der PKWs, die unser Schiff quer durch die Welt fährt war schnell und organisiert. Wir waren erstaunt. In Paranagua sahen wir zum ersten Mal einen Scanner, durch den scheinbar alle Container auf dem Pier gefahren werden. Tag und Nacht, rein von der Anzahl her jeder Container musste durch den Röntgenscanner. So ein Gerät wäre in Santos, das für ca. 80% der Kokainverladungen steht wohl auch angebracht gewesen, aber wir vermuten, dass dort ganz bewusst kein solches Gerät steht. Auf einem Schwesterschiff wurden in letzter Zeit schon zweimal größere Mengen Kokain versteckt in Baumaschinen gefunden, auf unserem Schiff sogar auf der letzten Rundfahrt in einem Container. Das Problem existiert also ganz aktuell.

Insgesamt können wir die Überfahrt als Erlebnis bezeichnen, das wir nicht missen möchten. Leider hatten wir an Bord nur Franzosen, Holländer und Belgier, so dass sich der Informationsaustausch in Grenzen hielt. Die Verpflegung war sehr gut, ein Kompliment an dieser Stelle noch einmal an Luigi, den Koch. Der „Master“, also der befehlshabende Kapitän (an Bord hatten logischerweise mehr Leute das Kapitänspatent) war unfreundlich und auch bei der Mannschaft alles andere als beliebt. Aus Gründen, die wir hier nicht weiter erläutern möchten (ein paar Hinweise findet ihr weiter unten) können wir deutschen Staatsangehörigen Grimaldi nicht empfehlen. Für Franzosen sieht die Sache anders aus.

Unsere Chatsim (eine SIM ausschließlich für Whatsapp, Facebook Messenger etc.) war schon während der Überfahrt Gold wert. Wir hatten in jedem Hafen und an den Küsten die Möglichkeit mit unseren Freunden zu Hause per Textnachricht in Verbindung zu bleiben ohne uns mit viel Aufwand lokale Simkarten besorgen zu müssen. Nach einiger Zeit gab unsere Chatsim auf, angeblich hatten wir zuerst das monatliche, 2 Tage später auch das Jahreslimit an Messages überschritten. Seltsam bei einer angeblich „unlimited“ Version. Es gibt ein Fair Use Limit, das aber umgerechnet ca. 5 MB pro Tag beträgt. Wie wir das mit ausschließlich Textnachrichten überschritten haben sollen bleibt ein Rätsel. Sehr unschön, wenn das passiert, wenn man ungeplant vor Anker liegend mitten im Nichts auf einmal keine Nachrichten mehr empfangen oder senden kann und auch keine Chance hat sich eine SIM zu besorgen. Wir können daher Chatsim nur sehr eingeschränkt empfehlen. Der Support ist wenig hilfreich, behauptet, irgendwelche Apps hätten im Hintergrund Daten übermittelt. Wir haben alles genau so konfiguriert wie von Chatsim beschrieben. Also keine Empfehlung.

Für diejenigen, die auch eine Überfahrt mit Grimaldi planen hier noch eine Info bezüglich Getränke: Solltet ihr Deutsche sein und mehr als 1,5 Liter Wasser pro Person und Tag trinken oder mehr als 2 Dosen Cola / Limonade (eintauschbar gegen den Wein beim Essen) haben wollen, Wasser können Deutsche mit viel Diskussion zusätzlich kaufen. Franzosen bekommen Wasser für die Kabine umsonst. Möchtet ihr mehr Cola oder andere alkoholfreie Getränke zu euch nehmen, besorgt diese schon in Hamburg und bringt sie mit an Bord. Alkohol ist offiziell an Bord verboten (ausgenommen der 25 cl Wein zum Lunch und Dinner), zumindest auch wieder für Deutsche. Wenn Franzosen im Hafen literweise Wein oder Bier kaufen und mit an Bord bringen scheint das toleriert zu werden. Fotografieren auf der Brücke ist für Deutsche verboten (wir wurden auf das Schild verwiesen und aufgefordert, die Kamera auszumachen), für Franzosen und Holländer ist es erlaubt. Dementsprechend können wir Euch hier kein Foto von der Brücke zeigen. Für den Maschinenraum gilt das Gleiche, Deutsche keine Fotos, wenn Franzosen mit der GoPro durchrennen ist es in Ordnung. Update: Grimaldi hat uns sogar schriftlich untersagt, ein Bild von unserem Auto im Frachtraum zu veröffentlichen. Das Fotografieren von Fracht sein verboten…

Ein Tipp aus einer der Facebook Gruppen für Südamerika war extrem hilfreich, deshalb weisen wir auch hier gerne darauf hin: Bringt einen Wasserkocher und genügend löslichen Kaffee mit an Bord, so könnt ihr euch auch unter Tags mal einen Kaffee zubereiten. Der Kaffeeautomat in der Küche steht unter Tags für die Passagiere nicht zur Verfügung.

Während des Schreibens dieses Artikels sehe ich gerade, dass sich ein Franzose während des Tages Kaffee macht bzw. auch machen lässt. Also ein weiterer Punkt, kein Kaffee für Deutsche während des Tages, für Franzosen schon.

Süßigkeiten empfehlen wir auch mit an Bord zu bringen, es gibt nichts zu kaufen an Bord. Wer auf Schokolade steht, in Hamburg gibt es zwei Factory Outlets von Bahlsen, dort gibt es auch Bruchware zu sehr vertretbaren Preisen. Setzt keine allzu großen Hoffnungen in den Kühlschrank in der Kabine. Unser „Kühlschrank“ lief immer, hatte keine Einstellmöglichkeit (vom Elektriker noch einmal gecheckt) und deshalb was alles, was wir darin aufheben wollten binnen kürzester Zeit durchgefroren. Die Tafel, auf der die Rufnummern für Assistance stehen in der Kabine hatte bei uns nur informativen Charakter, das Telefon dazu fehlte. Der Fernseher war vorhanden, aber das Antennenkabel fehlte und war auch nicht aufzutreiben. Wäre sowieso egal gewesen, da wie schon erwähnt nach Verlassen der Astra- / Hotbirdzone sowieso kein Empfang mehr möglich gewesen wäre. Bringt euch genügend Filme und Musik auf Festplatte mit.

Solltet ihr auch Brasilien besuchen wollen sei darauf hingewiesen, dass Deutsche nur ein 90 Tage Visum für Brasilien erhalten, dann das Land für 90 Tage verlassen müssen. Ein Border Hopping wir in anderen Ländern geht hier nicht. Da die Überfahrt in einigen Brasilianischen Häfen Aufenthalte beinhaltet habt ihr bei der Ankunft schon“ein paar Kilometer auf dem Tacho“, also schon ein paar Tage in Brasilien verbraucht. Unkritisch, solange nicht gleich nach der Ankunft ein Trip nach Brasilien auf dem Plan steht, aber durchaus zu berücksichtigen, falls ihr gleich nach Brasilien möchtet.

Für empfindliche Zeitgenossen bezüglich Ruß, ölverschmierte Böden und rußiger Luft sei hier von dieser Art der Atlantiküberquerung ebenfalls abgeraten. Es ist (das ist von Anfang an klar) in erster Linie ein Frachtschiff. Wir hatten damit keine Probleme, aber wir können uns vorstellen, der der eine oder andere es nicht sehr schätzt, einen Monat lang keine sauberen Füße mehr zu haben. Überall ist Ruß, auch in dem Teppichboden der Kabine. Drei Schritte mit Socken und die Socken sind schwarz. 15 Jahre ohne Reinigung hinterlassen hier deutliche Spuren. Barfuß laufen bedeutet schwarze Füße, die auch beim Duschen nicht mehr sauber werden. Die Schuhe sind schwarz und ebenfalls verloren. Es gibt eine kostenlose Waschmaschine und einen kostenlosen Trockner für Passagiere, aber um den „Master“ nicht in seiner Nachtruhe zu stören nur von 9 bis 19 Uhr. Die Waschmaschinen für die Crew stehen der Crew rund um die Uhr zur Verfügung, liegen auch in der Nähe der Passagierkabinen und nicht bei der „Master Kabine“. Waschmittel ist kostenlos, muss nicht mitgebracht werden.

In der Beschreibung des Schiffs heißt es, es stünde im Aufenthaltsraum für Passagiere und Offiziere ein Fernseher zur Verfügung. Das stimmt grundsätzlich, solange er nicht komplett verstellt ist. Russischkenntnisse (hat keiner in der Mannschaft) könnten durch das Menü helfen. Das Schiff hat eine Satellitenanlage, aber eingestellt werden nur Satelliten, die auch einen Italienischen Sender bieten. Sobald die Astra / Eutelsat Hotbird Zone verlassen wird gibt es keinen Fernsehempfang, also auch keine Nachrichten mehr. In Südamerika wäre ohne Probleme z.B. ein Hispasat empfangbar, aber da dort kein RAI empfangbar ist wird der nicht eingestellt. Mir als Deutschen wurde auch untersagt, einen entsprechenden Satelliten einzustellen, alle anderen durften am Satellitenempfänger herumspielen. DVDs stehen zur Verfügung, einige sogar mit englischem Ton und nicht nur Italienisch. Falls der Wind einmal ungünstig weht und das Schiff auf Schleichfahrt ist, kann auch schon mal der ganze Dunst vom Kamin in den Aufenthaltsraum ziehen. Dann riecht es als würde man einen Haufen Plastik verbrennen. Das schreiben wir als Raucher.

Die Essenszeiten an Bord sind streng reglementiert. Für die Passagiere ist es extrem wichtig, rechtzeitig mit dem Essen fertig zu sein, da nach der Stunde, die zur Verfügung steht der „Master“ ungestört von leidigen Passagieren zu Essen wünscht. Uns wurde am ersten Tag (wir kamen nach 14 Uhr an Bord) Essen vom Messman angeboten, was uns glatt einen Anpfiff vom Master bescherte. Wenn Franzosen das Schiff im Hafen verlassen uns später kommen ist das offensichtlich unproblematisch.

Die Besatzung (Master ausgenommen) war sehr nett, jederzeit ansprechbar und immer bemüht zu helfen. Abgesehen von der Diskriminierung als Deutsche wurden wir durchwegs freundlich behandelt und für Herausforderungen wie die defekte Klimaanlage im Aufenthaltsraum wurden auf Anfrage auch Lösungen gefunden.

Falls ihr im Büro Fragen stellen möchtet, dann kann es passieren, dass der „Master“ der zufällig anwesend ist auf einen späteren Zeitpunkt verweist, weil jetzt Frühstückszeit angesagt ist und lästige Passagiere gefälligst zu warten haben.

Leider ist zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels Grimaldi der einzige Anbieter von Fahrzeugverschiffungen, bei denen man das Fahrzeug selbst an Bord und von Bord fahren und in einer Kabine mitreisen kann auf der Route zwischen Europa und Südamerika. Sollte sich ein anderer Anbieter mit diesem Konzept anfreunden können wir nur empfehlen, diesen vorzuziehen. Der große Vorteil wenn man sein Fahrzeug begleitet ist einfach, dass das Fahrzeug weder von jemandem anders gefahren wird noch unbeaufsichtigt in irgendwelchen Häfen abgestellt wird.

Zum Wetter während der Überfahrt können wir nur schreiben: Super. Wir hatten nur zwei Mal richtig Regen, ansonsten bestes Wetter. Trotz Hurrican Saison und Äquator Winden. Für Lärmunempfindliche (11 Megawatt machen ordentlich Lärm) stehen in den Kabinen Klappstühle bereit, so dass man sich sehr gut aufs Deck setzen kann z.B. zum Lesen oder einfach die frische Luft (vor dem Kamin) genießen.