Pisagua Chile – Erdbeben und Tsunami

05.03.2019

Was sollen wir zu Pisagua schreiben? Diese Frage stellte sich uns, als wir überlegten, ob wir diesen Ort überhaupt im Blog erwähnen sollen. Wir haben uns entschlossen, ihn trotzdem mit einem Artikel zu würdigen.

Als wir bei der Routenplanung Pisagua entdeckten und einige Beschreibungen über den ach so schönen Ort mit dem tollen Strand lasen beschlossen wir, dort vorbei zu fahren. Der Ort liegt an der Küste und wir mussten von der Hauptstraße aus über 1000 Höhenmeter absteigen, aber es schien lohnenswert. Zumal die Zufahrtsstraße seit einigen Jahren asphaltiert ist.

Wir fuhren also die Straße nach Pisagua durch die Berge hinab und staunten nicht schlecht, als wir die steile Zufahrt sahen. Nicht nur steil und mit Serpentinen, teilweise auch noch mit Sand bedeckt, der vom letzten Niederschlag auf die Straße gewaschen wurde. Es ging aber ganz gut, wenn auch vorsichtig, damit das Wohnmobil nicht ins Rutschen kam. Dafür erschien die Bucht von oben sehr malerisch und wirkte fast wie die schönen Buchten in Griechenland um einen Europäischen Vergleich zu ziehen.

In Pisagua angekommen fanden wir heraus, dass die Beschreibungen (obwohl nach 2014 erstellt) wohl eher im Drogenrausch erstellt wurden. Anders ist die Diskrepanz zwischen Einträgen in IOverlander und der Wirklichkeit nicht zu erklären.

Der Ort liegt halb zerstört  steil am Hang, viele Häuser sind aus Holz und die Wände und Dächer vom Salz zerfressen. Die einzige Straße durch das Wohngebiet ist geschottert und so steil, dass wir bei der Ausfahrt nur mit größter Mühe und durchdrehenden Reifen wieder entkommen. Viele Häuser, auch weiter oben am Hang, sind baufällig und teilweise nur sehr primitiv abgestützt. Einige Häuser sind schon eingestürzt.

Unten an der „Strandpromenade“ steht das löchrige Feuerwehrhaus garniert mit alten Autos, die auch in dem gesamten Ort strategisch verteilt das Bild verstärken. Weiterhin findet sich dort das halb zerstörte ehemalige Hotel und viele Ruinen. Die Promenade selbst besteht aus in verschiedenen Winkeln in die Luft stehenden Betonplatten.

Ein scheinbar ehemaliges Strandbad bzw, die wie wir vermuten Umkleidekabinen sind noch vorhanden (dazu gleich mehr), davor wohnt zwischen alten Motoren und Müll jemand im Zelt.

Da es schon Abend wird beschließen wir uns einen Stellplatz zu suchen und die Nacht in dem Ort zu verbringen. Wir werden am Ortsrand fündig zwischen Ruinen auf einem ehemaligen Hubschrauberlandeplatz. Die Straße zu dem tollen Strand führt hier vorbei, ist aber in einem Zustand, dass wir es nicht riskieren wollen unser Auto zu beschädigen. Zumal der Strand den wir sehen nicht zu den attraktivsten gehört. Bei der Zufahrt zu dem Stellplatz müssen wir gut aufpassen, denn es ragen immer wieder Armierungseisen ehemaliger Gebäude aus dem Boden.

Etwas weiter oben geht eine Straße weiter die Küste entlang nach Alt-Pisagua, aber wir beschließen diese Attraktion auszulassen.

Wir besichtigen die Ruinen und fragen uns, was denn diese Zerstörungen hervorgerufen haben mag. In Chile gibt es an der Küste zwei Möglichkeiten: 1. Erdbeben und 2. Tsunami. Beides trifft hier zu wie wir bei der Recherche in Wikipedia herausfinden.

Im Jahr 2014 wurde der Ort von einem Beben der Stärke 8,2 heimgesucht, das große Zerstörungen hervorrief. Dann kam noch ein 1,8m hoher Tsunami und gab einigen alten Gebäuden den Rest. Die IOverlander Einträge stammen aus 2015 bis 2018, also nach der Katastrophe. Wir lesen weiterhin, dass die hochgelobte Historie des Ortes aus einer Bucht besteht, in der 1879 die glorreiche Chilenische Armee im glorreichen Krieg gegen die bösen Peruaner hier an Land ging. Weiterhin besteht die hochgelobte Historie aus einem Konzentrationslager, das in drei (!) verschiedenen Militärdiktaturen als solches genutzt wurde. Zuletzt vor gar nicht allzu langer Zeit in den 70ern. Es wurden bei der letzten Nutzung des KZs immerhin 2500 Regimegegner hier exekutiert. Von den Opfern der vorhergehenden Nutzungszeiten ganz zu schweigen. Die vermeintlichen Umkleidekabinen erweisen sich als die ehemaligen Zellen der Gefangenen, in denen auf kleinstem Raum über 500 Gefangene eingekerkert waren bevor sie exekutiert wurden.

Na wenn das mal keine großartige historisch wertvolle Ortschaft ist! Seit diesem Tag ist unser Vertrauen in die Einträge bei IOverlander massiv erschüttert.

Wir stellen fest, dass wir an einem KZ mit massiver Erdbebengefahr und praktisch ohne Fluchtroute (die einzige Straße in den Ort wäre bei einem Beben sofort unbrauchbar) campieren. Es gibt zum Zeitpunkt unseres Aufenthaltes in der Umgebung laufend Erdbeben, meist Stärke 4 bis 5 und unsere Erbebenapp kommt gar nicht mehr zur Ruhe. Die Nacht in Pisagua ist dementsprechend interessant.

Beim Brotkauf am nächsten Morgen fragt Peter den Bäcker, warum denn der Ort nach fünf Jahren immer noch so aussieht. Er erfährt, dass scheinbar nur geringste Mittel zum Wiederaufbau bereitgestellt wurden. Nun gut, der Militärposten ist auf alle Fälle frisch gestrichen, ist doch schon was!

Wir sind froh, als wir das Erdbeben/Tsunami-KZ wieder verlassen können und fahren gerne die 1000 Höhenmeter zurück zur Hauptstraße. Auf dem Weg nach oben müssen wir wegen dem Sand auf der Straße teilweise das ASR abschalten, weil immer wieder ein Rad durchdreht. Wieder oben angekommen schnaufen wir erst einmal durch.

In Gedanken sind wir bei den verbliebenen Einwohnern von Pisagua, die in dieser Ruinenstadt leben und scheinbar die Hoffnung auf Besserung nicht aufgeben. Respekt dafür, wir hätten längst die Zelte abgebrochen.